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Rückläufige Planeten: Kein Problem, sondern eine Einladung

Lesezeit: 6 Minuten

Autorin: Christina Rohde (mehr erfahren)

📖 Read this article in English  Retrograde planets: Not a problem, but an invitation

Wer sich mit der Astrologie auseinandersetzt, stößt früher oder später auf das Thema der rückläufigen Planeten. Genau wie wir sie in einem Geburtshoroskop finden können, beschäftigt sich insbesondere die Transitastrologie damit. Hierbei geht es darum, anhand der aktuellen Planetenkonstellationen die aktuelle Zeitqualität zu beurteilen.

 

Rückläufige Planeten werden hierbei oft kritisch betrachtet. Das liegt daran, dass in der Phase der Rückläufigkeit die Qualität des Planets nicht normal wirken kann. Dadurch liegt schnell die negative Assoziation nahe, dass das zu Problemen führt und damit "schlecht" ist.

 

Das kann man ideal am rückläufigen Merkur betrachten. Er ist oft Gegenstand der Diskussion, da er am häufigsten in eine retrograde Phase übergeht. Der Merkur beherrscht das Denken und die Kommunikation und wird manchmal auch mit Technik und Reisen in Verbindung gebracht (worüber sich diskutieren lässt). So werden während der rückläufigen Phase von Merkur in diesem Bereich schnell Warnungen ausgesprochen: Man solle besser nicht reisen, extrem vorsichtig kommunizieren, am besten nichts unterschreiben und sich bloß nicht auf die Technik verlassen.

 

Doch ist das wirklich das, was hinter einer rückläufigen Phase eines Planeten steht? Und würde das nicht bedeuten, dass man als Mensch mit einem rückläufigen Merkur im Geburtshoroskop gar keine Chance hat, eine gesunde Kommunikation zu haben?

 

Die Antwort finden wir, wenn wir uns anschauen, was ein rückläufiger Planet überhaupt ist. 

 

Ein rückläufiger Planet ist ein zunächst mal astronomisches Phänomen. Ein Planet scheint, aus dem Blickwinkel der Erde betrachtet, in die entgegengesetzte Richtung zu wandern als sonst. Scheinen ist hierbei das entscheidende Wort: Der Planet läuft weiterhin in die normale Richtung. Es wirkt nur als würde er die Richtung ändern. Das liegt an den unterschiedlichen Geschwindigkeiten von der Erde und dem jeweiligen Planeten, gepaart mit der erdlichen Perspektive. Die Rückläufigkeit ist also eine optische Täuschung und damit eine Illusion.

 

Die grundlegende Energie des Planeten bleibt also bestehen. Sie verschwindet nicht und sie läuft auch nicht in eine andere Richtung. Einzig und allein unsere Perspektive darauf ändert sich. Und darin liegt der Kern der Wirkung von rückläufigen Planeten:

 

Sie laden uns zu einem Perspektivwechsel ein.

 

Wenn ein Planet rückläufig ist, bedeutet das, es ist Zeit für ein kurzes Innehalten, und zwar genau für die Themen, mit denen wir den Planeten assoziieren. Es ist eine Einladung, das zu hinterfragen, was wir vielleicht als selbstverständlich betrachtet haben, oder eben genau dort hinzusehen, wo wir eigentlich nicht hinsehen wollen. Es ist eine Zeit, um Illusionen als solche wahrzunehmen und einen anderen Blickwinkel einzunehmen - besonders auf Vergangenes. Es ist eine Zeit für Reflektion und damit auch Veränderung - durch Lernen, Akzeptieren und Feinjustieren.

 

Nehmen wir als Beispiel wieder Merkur. Die Phasen, wo Merkur rückläufig ist, laden uns dazu ein, unser Denken und unsere Kommunikation zu hinterfragen und genau hinzuschauen. Das kann in verschiedene Richtungen gehen, je nachdem, was für uns individuell relevant ist. Beispiele:

  • Ist die Art und Weise, wie ich mich ausdrücke, eigentlich so, wie ich es möchte?
  • Habe ich mir selbst jemals zugehört und von außen betrachtet, wie ich spreche?
  • Welche Art von Missverständnissen erlebe ich immer wieder?
  • Bei welchen Menschen oder welchen Themen habe ich das Gefühl, immer aneinander vorbei zu reden?
  • Höre ich anderen Menschen eigentlich wirklich zu, oder warte ich nur auf meine eigene Antwort?
  • Sind meine Gedanken eher konstruktiv oder destruktiv? Halten sie mich auf oder unterstützen sie mich?
  • Beherrscht mich mein Denken oder beherrsche ich es? Welche Balance ist für mich richtig?

Die Fragen können noch lange weitergehen und wir dürfen hierbei gerne kreativ werden. Der Grundgedanke ist schlichtweg: Eine rückläufige Phase ist eine ideale Zeit für Reflektion.

 

Nun wird der eine oder andere Astrologie-interessierte Mensch festgestellt haben, dass die rückläufigen Phasen trotzdem irgendwie unangenehm sind. Vielleicht kommt die Frage auf, dass das ja alles schön und gut sei, aber die Realität sehe eben trotzdem anders aus: Viel Chaos, viele Probleme, viele Missverständnisse. Oder kurzum: Keine schöne, reibungslose Zeit.

 

Das ist eine sehr echte und reale Erfahrung - und hat trotzdem nichts damit zu tun, dass eine rückläufige Phase "schlecht" wäre. 

 

Wenn wir davon ausgehen, dass die Planeten einen Einfluss auf die Zeitqualität und unser Leben haben, passieren solche Phasen - egal, ob wir diese bewusst nutzen oder nicht. Positiv formuliert könnte man auch sagen: Das Universum lässt uns selten Chancen entgehen. Was bedeutet das für rückläufige Planeten?

 

Es bedeutet, dass wir in diesen Zeiten aufgefordert sind, in die Reflektion zu gehen. Und tun wir es nicht, bekommen wir quasi die Retourkutsche - oder den Weckruf, der uns sagt: Vielleicht machst du es besser doch.

 

Nehmen wir wieder den rückläufigen Merkur. Wie oft erleben Menschen in diesen Zeiten unzählige Missverständnisse, Kommunikationsprobleme und Abläufe, die einfach nicht so funktionieren, wie sie sollen. Es ist nervig, unangenehm, stressig und unklar.

 

Wir erleben diese Probleme jedoch nicht wegen der rückläufigen Phase an sich. Wir erleben sie, weil etwas sichtbar wird, was vorher im Verborgenen lag. Wir erleben sie, weil es eine Aufforderung zur Reflektion ist. Es ist ein Hinweis, ein Richtungspfeil, der uns zeigt: "Hier stimmt was nicht - schau es dir an." Das Problem war aber schon vorher da. Die rückläufige Phase macht es nur sichtbar. Spürbar. Greifbar.

 

Natürlich fühlt sich das erstmal unangenehm an. Aber langfristig ist es etwas, von dem wir extrem profitieren: Denn Reflektion über Vergangenes ermöglicht uns Kurskorrektur für die Zukunft. 

 

Menschen, die in ihrem Geburtshoroskop einen rückläufigen Planeten haben, tragen die innewohnende Natur von Reflektion und Kurskorrektur in sich. Die Qualitäten des jeweiligen Planeten kommen damit langsamer zum Vorschein, was uns grade anfänglich in unserem Leben Kopfschmerzen bereiten kann. Aber es ist ein natürlicher und gesunder Bestandteil: Denn Reflektion ist ein zusätzlicher Zwischenschritt, der Zeit in Anspruch nimmt. Und der sich gleichermaßen lohnt. 

 

Denn üblicherweise können Menschen mit retrograden Planeten diese Energien umso bedeutungsstärker integrieren, wenn sie sich denn bewusst damit auseinandersetzen. Die Energie ist weniger offensichtlich, aber dafür deutlich gebündelter und konzentrierter, wenn bewusst damit umgegangen wird. Wir können es uns vorstellen wie der Schuss mit Pfeil und Bogen: Wer sich mehr Zeit zum Zielen nimmt, ist langsamer - und trifft am Ende meist präziser.

 

Rückläufige Planeten haben also, genau wie normal laufende Planeten, ihre Licht- und Schattenseiten. Genauso verhält es sich mit den Transiten der rückläufigen Planeten.

 

Die Frage sollte also weniger sein, ob rückläufige Planeten "gut" oder "schlecht" sind, sondern eher, wozu sie uns einladen - und wie wir mit der Energie umgehen können, sodass wir im Einklang damit sind.