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Autorin: Christina Rohde (mehr erfahren)
📖 Read this article in English → The forgotten value of boredom
Was wir Langeweile nennen
Kannst du dich erinnern, wann du das letzte Mal nichts getan hast? Wirklich - nichts. Nicht am Smartphone gewesen, nicht gegessen, nicht mal Musik gehört.
Für viele von uns ist diese Frage schwer zu beantworten. Nicht weil sie keine Zeit hatten, nichts zu tun. Sondern weil die meisten von uns verlernt haben, "nichts zu tun" überhaupt zuzulassen. Die absolute Vermeidung von Nichts-Tun wird in unserer Gesellschaft großgeschrieben - genauso wie das unverdient schlechte Image von Langeweile. Irgendwie klingt es passiv, unkreativ und gänzlich nach Lebenszeitverschwendung. Und wer mag das schon?
Doch ganz so einfach ist es nicht.
Die Illusion der Ablenkung
Wir haben heute unendlich viele Möglichkeiten, Langeweile zu umgehen: sei es das Smartphone, das uns mal eben zu Shopping, Chatten oder Rumscrollen animiert; Musik oder Podcasts, die allgegenwärtig die Stille füllen können; oder Social Media, das uns das Gefühl gibt, unter Menschen zu sein, obwohl wir alleine in unserem Zimmer sitzen. Immer wenn ein leiser Moment entsteht, füllen wir ihn sofort mit Reizen.
Ablenkung fühlt sich im Moment oft gut an. Sie ist bequem. Sie bringt uns vielleicht sogar kurz zum Lachen. Aber wer kennt das Gefühl nicht, sich danach irgendwie seltsam leer zu fühlen - oder auf die letzten Monate zurückzuschauen und sich zu fragen: Was habe ich da eigentlich die ganze Zeit gemacht?
Dass solche Fragen aufkommen, ist kein Zufall, sondern ein natürlicher Weckruf unseres Unterbewusstseins.
Ablenkung - egal welcher Art - bedeutet, kurzzeitig aus der eigenen Realität auszusteigen. Wir schauen weg, hören nicht hin, nehmen den Moment nicht wahr für das, was er gerade wirklich ist. Das ist per se nicht falsch - aber auch nicht richtig. Denn auch wenn es erstmal nach einer verdienten Pause klingt, sorgt es eigentlich dafür, dass wir noch mehr Energie verlieren. Nicht weil wir nichts leisten, sondern weil wir uns von dem distanzieren, was gerade wirklich in uns passiert: unsere Gedanken, unsere Gefühle, unser Erleben in diesem Moment.
Wir können keine Energie tanken, wenn wir "neben uns stehen". Genauso wenig können wir zur Ruhe kommen, wenn wir uns ständig mit Reizen bombardieren.
Was passiert, wenn wir aufhören zu fliehen
Hier kommen wir zu unserem Anfangsthema: Langeweile. Sie ist oft das erste Gefühl, das aufkommt, wenn wir aufhören, uns abzulenken. Sie kann sich ungemütlich, nahezu unerträglich anfühlen. Doch der Grund ist weniger die Langeweile selbst, sondern der Zustand, der dahintersteckt.
Nehmen wir das Wort mal im Deutschen auseinander: Langeweile bedeutet "lange Weile" - also Zeit, die sich lang anfühlt.
Versetzen wir uns in das Szenario, dass wir gerade gestresst, frustriert oder antriebslos sind - und nehmen nun "Zeit, die sich lang anfühlt" dazu. Was passiert da in uns? Es fühlt sich erstmal an, als würden wir unser Leiden verlängern. Weil wir den Moment stärker wahrnehmen und die Zeit eben nicht "wie im Flug" vergeht - wie es oft ist, wenn wir uns ablenken.
Unser Denkfehler
Unser Impuls, der Langeweile aus dem Weg zu gehen, ist deshalb mehr als nachvollziehbar. Und trotzdem auf lange Sicht kaum etwas, was uns konstruktiv weiterbringt. Denn die Lösung zu Leid und Stress liegt nicht darin, sich temporär zu distanzieren, nur um danach umso tiefer hineinzusinken. Die Lösung besteht darin, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen:
Zu verstehen, warum wir uns so fühlen, wie wir uns fühlen. Zu sehen, was wir brauchen, um erfüllter zu leben. Zu entdecken, welche Möglichkeiten wir haben, etwas an unserer Situation zu ändern. Zu erforschen, welche Gedanken und Gefühle wir eigentlich die ganze Zeit mit uns herumtragen. Und vor allen Dingen: loszulassen.
Das Geschenk der Langeweile
Das Leben ist kurz. Zeit zu erleben, die sich lang anfühlt, ist ein absolutes Geschenk - und wir dürfen uns erlauben, es anzunehmen, auch wenn es sich im ersten Moment ungewohnt anfühlt. Denn kein Zustand bringt uns so sehr ins Hier und Jetzt und schenkt uns mehr Zeit wie die Langeweile.
Lassen wir ihr Raum, passiert etwas Interessantes: Die oben genannten Impulse - unsere eigenen Ansätze, etwas zu finden, was uns guttut - finden ganz von selbst ihren Weg. Denn wenn nichts um uns herum passiert, kommen Handlungsimpulse aus uns selbst. Und nicht durch äußere Reize. Nicht immer verstehen wir diese Impulse sofort. Aber das müssen wir auch gar nicht.
Vielleicht spüren wir auf einmal den Drang, ein altes Buch rauszukramen. Oder uns fällt plötzlich ein, dass wir unser Wohnzimmer schon längst umgestalten wollten. Oder wir erinnern uns an Momente, die wir gerne wieder erleben würden. Vielleicht fangen wir auch einfach an zu singen - weil wir grade keine Stille möchten und nur uns selbst als Lösung dafür haben.
Kurzum: Langeweile erweckt unsere Kreativität. Und unsere Kreativität, egal wie klein oder groß sie sich ausdrückt, ist immer eng mit dem verbunden, was uns Freude bringt - und was uns erfüllt. Was würde uns in Momenten von Stress oder Frustration also besser tun, als erstmal - Langeweile zuzulassen?
Fazit
So sehr wir die Langeweile also als etwas Negatives abstempeln möchten - ganz so einfach ist es nicht. Sie ist kein Zustand des Mangels, sondern der erste Schritt in Richtung unserer ganz eigenen Kreativität und Freude. Und ein schöner Nebeneffekt ist, dass sie uns tatsächlich hilft, unsere Konzentrationsfähigkeit zu verbessern. Weil wir endlich mal bei einer Sache bleiben - bei unserer Sache. Die genau jetzt, in genau diesem Moment, genau an diesem Ort richtig für uns ist. Das tut nicht nur im Hier und Jetzt gut, sondern auch langfristig: Denn so lernen wir, wieder auf uns selbst eingestimmt zu sein - und unser Leben auch im Rückblick als erfüllter zu erleben.
Impulse zum Nachdenken
Wir sind so trainiert, der Langeweile aus dem Weg zu gehen, dass es manchmal eine echte Herausforderung sein kann, ihr wieder zu begegnen. Möglicherweise merken wir gar nicht, wann ein passender Moment wäre, sie zuzulassen. Ein paar Fragen und Impulse, die helfen könnten, Langeweile neu kennenzulernen:
- Wann und wo lenke ich mich typischerweise ab? (Beim Warten, beim Einschlafen...?)
- Was könnte mich daran erinnern, kurz vor dem Griff zum Handy innezuhalten? (Ein großes "Stopp-Plakat" an einer Wand...?)
- Etwas tiefer: Weiß ich, wovor ich gerade flüchte - und möchte ich das wirklich?
- Eine kurze Challenge: Schaffe ich es, zehn Minuten einfach in einem Raum zu sitzen und nichts zu tun?
- Sich erinnern: Was hatte ich als Kind für tolle Ideen, wenn ich Langeweile hatte?
Stille ist selten wirklich leer - sie ist vielmehr ein Raum voller Möglichkeiten, den uns das Leben schenkt.
