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Autorin: Christina Rohde (mehr erfahren)
📖 Read this article in English → What do you stand for? On the quiet influence of our values
Es gibt Momente im Leben, in denen wir eine Entscheidung treffen, die auf dem Papier völlig richtig aussieht - und sich trotzdem irgendwie merkwürdig falsch anfühlt. Vielleicht überreden wir uns selbst, zeigen uns alle Argumente auf, die dafür sprechen, aber dieses leise Ziehen in uns - dass irgendwas doch nicht so wirklich passt - geht nicht weg.
Es gibt auch Momente, die sich anders anfühlen: Wir entscheiden uns für etwas, und wir kommen nicht mal auf die Idee daran zu zweifeln, weil es sich so richtig anfühlt. Selbst wenn es von außen als unvernünftig angesehen wird, wissen wir, dass das die richtige Entscheidung für uns ist.
So unterschiedlich wie sich diese Momente auch anfühlen, sie haben einen gemeinsamen Kern. Denn bei Entscheidungen greifen wir auf etwas zurück, was sehr tief in uns läuft, was wir selten direkt betrachten, aber ununterbrochen nutzen: Nämlich unser Wertesystem.
Wir orientieren uns immer - die Frage ist nur, woran
Über Werte zu sprechen klingt schnell ein wenig abstrakt. Es wirkt theoretisch und klingt beinahe nach einer Philosophie. Denn im Alltag denken wir selten darüber nach, welcher Wert uns grade leitet - wir handeln einfach.
Doch nur, weil wir uns unserem Wertesystem nicht bewusst sind, heißt es nicht, dass es nicht da ist. Im Gegenteil: Unsere Werte laufen tief, konstant und sehr beständig. Sie sind gekoppelt an unsere Erfahrungen, Überzeugungen, Bewältigungsstrategien und Bedürfnisse. Sie geben uns fortlaufend eine Richtlinie bei Entscheidungen, weil sie priorisieren, einordnen und eine Richtung vorgeben.
Meist nehmen wir diesen Prozess nicht aktiv wahr. Er läuft in unserem Unterbewusstsein, und das ist erstmal von Vorteil. Denn würden wir bei jeder Entscheidung erstmal alles bis ins kleinste Detail abwägen, würden wir vermutlich mehr Zeit im Überlegen und Sortieren verbringen als im Handeln.
Dass der Prozess unterbewusst abläuft, ist also erstmal erstaunlich effizient. Es birgt allerdings auch ein Risiko: Wenn wir nicht wissen, wie unser Wertesystem aussieht, wissen wir nicht, woran wir uns eigentlich orientieren - und ob das etwas ist, was wir wirklich wollen, oder etwas, was uns nur zugewachsen ist.
Das Risiko unbewusster Werte
Unterbewusste Werte haben wir wohl immer. Doch bewusste Werte helfen uns, uns selbst eine Richtung vorzugeben, die unserer inneren Natur entspricht. Gehen wir mit uns selbst nicht in den Dialog, bleibt unsere gesamte Orientierung ein unsichtbarer Prozess. Und dieser Prozess läuft im Hintergrund weiter - egal ob wir hinschauen oder nicht.
Unsere Werte entstehen oft früh in unserem Leben. Und selten, weil wir uns bewusst dafür entscheiden. Üblicherweise ist es eine Mischung aus Erfahrungen, die wir machen, und daraus resultierenden Überzeugungen. Wir streben dann vielleicht nach Anerkennung, weil wir gelernt haben, dass Aufmerksamkeit von anderen irgendwie "wichtig" ist. Oder wir vermeiden Konflikte, weil wir früh gelernt haben, dass manche Menschen es überhaupt nicht gut aufnehmen, wenn wir zu ehrlich sind. Die Werte, die wir dann entwickeln, bleiben in der Regel unsichtbar. Würden wir sie mit Worten an die Oberfläche bringen, sähen sie vielleicht so aus:
- Anerkennung erhalten
- Frieden bewahren
- Gemocht werden
- Nicht auffallen
Diese Werte werden dann von uns fortlaufend als Orientierung genutzt. Wir treffen Entscheidungen basierend darauf, was uns wichtig ist. Und so effizient wie dieser Prozess auch ist, er ist nicht unbedingt effektiv. Denn nur zu oft machen wir Erfahrungen oder nehmen wir Überzeugungen an, die gar nicht unserem Kern entsprechen - oder die uns schlichtweg nicht gut tun. Vielleicht halten sie uns auf und basieren auf ein paar "zufälligen" Erfahrungen, obwohl unsere innere Natur und unser Selbstausdruck nach etwas ganz anderem streben.
In dem Fall ist unser Wertesystem wie ein falsch eingestelltes Navigationssystem. Wir nutzen eine Landkarte, wir haben den Weg - aber unser Ziel ist falsch.
Die eigenen, wahren Werte kennenlernen
Um das richtige Ziel einzustellen, müssen wir erstmal wissen, wohin wir überhaupt wollen. Haben wir uns noch nie mit unseren Werten auseinandergesetzt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass wir noch mit vielen Überzeugungen durchs Leben laufen, die wir von unserer Umgebung übernommen haben. Und selbst wenn wir schon mal darüber reflektiert haben, lohnt es sich, das eigene Wertesystem immer mal wieder genauer zu betrachten. Denn niemand von uns ist wirklich statisch - das Leben verändert sich, und wir auch. Was uns vor zehn Jahren überzeugt und gedient hat, kann heute etwas sein, was wir loslassen dürfen.
Es lohnt sich, bei diesem Thema in sich zu gehen und sich zu fragen, welche Werte wir haben und welche wir wirklich wollen - und dann zu schauen, wo Überschneidungen und Differenzen sind. Du kannst folgende Fragen nutzen, um Dein Wertesystem kennenzulernen:
- Welche Entscheidungen aus der Vergangenheit fühlen sich im Nachhinein richtig an? Woran habe ich mich bei der Entscheidung orientiert?
- Welche Entscheidungen aus der Vergangenheit fühlen sich im Nachhinein falsch an? Woran habe ich mich bei der Entscheidung orientiert?
- Wenn Du einen Wert identifiziert hast (z.B. Authentizität, Harmonie, Ehrlichkeit): Weißt Du, woher dieser Wert kommt? Tut es Dir gut, für diesen Wert einzustehen?
- Fühlt es sich gut an, auch unbequeme Konsequenzen in Kauf zu nehmen, wenn Du diesem Wert treu bleibst?
- Ist der Wert moralisch aufgeladen - etwas, was in unserer Gesellschaft als "gut" oder "richtig" angesehen wird? Verzerrrt es möglicherweise Deine Sichtweise auf genau diesen Wert?
- Welches Verhalten von anderen Menschen löst bei Dir starke Wut aus? Welcher Wert wird dabei für Dich verletzt?
- Kennst Du andere Menschen, die ähnliche Werte haben? Fühlst Du Dich bei ihnen unwohl oder sicher?
Die eigenen Werte zu kennen, ist oft eine Mischung aus zwei Dingen: daraus, dass wir uns selbst besser kennenlernen und unserer inneren Stimme zuhören – und daraus, dass wir uns klarwerden, wohin wir uns eigentlich entwickeln wollen. Es ist eine Mischung aus Entdecken und Gestalten, die sich gegenseitig immer wieder neu beeinflusst und fördert.
Werte, die uns wirklich tragen
Es gibt zwei Punkte, die wesentlichen Einfluss darauf haben, wie gut unser Wertesystem für uns funktioniert.
Der erste Punkt ist, ob die Werte wirklich unsere sind. Die oben genannten Fragen helfen Dir, genau das herauszufinden. Ist ein Wert wirklich unserer - das heißt, er entspricht unserem authentischen Selbst - sind wir üblicherweise bereit, auch unbequeme Konsequenzen dafür in Kauf zu nehmen. Es fühlt sich richtig an, weil unser Wert Priorität hat.
Der zweite Punkt ist, dass Werte uns üblicherweise dann als gute Orientierung dienen, wenn sie solche sind, die tatsächlich in unserer Hand liegen. Ist zum Beispiel unser Wert "beliebt zu sein", können wir alles Mögliche daran ausrichten und dafür tun - aber am Ende haben wir keine Kontrolle darüber, was andere Menschen wirklich von uns denken und wie sie uns sehen. Wir schränken damit unsere Selbstwirksamkeit - das Gefühl, etwas selbst in der Hand zu haben und bewirken zu können - unnötig ein.
Wäre unser Wert hingegen "authentisch sein", wäre das etwas, was wir jederzeit umsetzen können. Das heißt nicht, dass es immer ohne Konsequenzen und bequem wäre. Aber faktisch haben wir die Möglichkeit, es zu tun.
Unsere Werte sind also idealerweise etwas, was in unserer eigenen Macht liegt. Dann geben sie uns nicht nur eine feste Orientierung und einen festen Boden unter den Füßen, sondern sind auch eine Landkarte, die uns tatsächlich am Ende zu etwas führt.
Wofür wir stehen - und wozu wir "Nein" sagen
Wenn wir unsere Werte kennen, wissen wir nicht nur, wofür wir stehen. Wir wissen auch, wozu wir nein sagen. Und dieser Teil ist genauso wichtig wie der erste.
Wir können im Leben nie alles erfahren. Und versuchen wir es, zerstreut es förmlich unsere Energie. Es lässt unsere Grenzen verschwimmen und unsere Richtung sowieso. Wenn wir für etwas stehen möchten, erfordert es im gleichen Atemzug, etwas abzulehnen. Nämlich alles, was dem Gewollten und unseren Werten nicht entspricht.
Wenn uns Ehrlichkeit wirklich wichtig ist, dann sagen wir auch die Wahrheit, wenn eine Notlüge bequemer wäre. Wenn uns Ruhe wirklich etwas bedeutet, dann sagen wir auch eine reizvolle Gelegenheit ab, die unseren eigenen Frieden stören würde.
(Wer sich unsicher ist, ob ein "Nein" zu einer Entscheidung aus unseren Werten oder aus Angst oder Trotz kommt: Ein "Nein", das aus einem klaren "Ja" zu etwas anderem kommt, fühlt sich sicher, ruhig und sogar bestärkend an. Fangen wir an, uns zu rechtfertigen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen.)
Ein Lernprozess, der leicht sein darf
Die oben beschriebene Differenzierung macht es nicht nur leichter für uns, Entscheidungen zu treffen, sie sorgt auch dafür, dass wir welche treffen, die richtig für uns sind. Nichtsdestotrotz kann die Auseinandersetzung mit dem eigenen Wertesystem schnell auch überfordernd sein. Vielleicht haben wir uns noch nie damit auseinandergesetzt, oder wir stellen fest, dass wir aktuell noch gar nicht wirklich nach den Werten leben, die wir eigentlich haben wollen.
Wichtig ist: Ein stimmiges Wertesystem zu haben ist weder eine Aufgabe noch Anforderung. Es ist etwas, was wir entdecken und erleben dürfen, um ein Leben zu führen, was sich mehr nach unserem anfühlt.
Solltest Du also feststellen, dass Dir vieles noch unklar ist oder dass Du Deine wahren Werte noch gar nicht richtig lebst, besteht weder ein Grund zur Unruhe noch zu Leistungsdruck. Sieh es als Möglichkeit an: Du hast etwas gefunden, wo Du Dich austoben kannst - und womit Du vielleicht Dein Leben mehr in eine Richtung lenken kannst, die sich für Dich richtig anfühlt.
Seine eigenen Werte zu kennen und danach zu leben ist ein lebenslanger Prozess. Manche Werte verschieben sich mit den Jahren, andere bleiben über Jahrzehnte stabil. Nach manchen Werten zu leben fällt uns leicht, und andere fordern uns aufgrund unserer bisherigen Erfahrungen stark heraus. Und das ist völlig in Ordnung. Wir können einen Wert nicht "erfüllen" oder "nicht". Werte sind eine Orientierung. Und möchten wir unser Verhalten und unsere Entscheidungen daran anpassen, ist auch das ein Prozess.
Warst Du zum Beispiel bislang begeisterter Nutzer von Notlügen und hast für Dich erkannt, dass Dir Ehrlichkeit langfristig viel mehr bedeutet, wirst Du vermutlich nicht von heute auf morgen Dein Verhalten ändern. Und das ist auch gar nicht nötig. Es reicht, es Dir immer wieder in Erinnerung zu rufen. Und in kleinen Schritten voranzugehen. Wo sich die nächste harmlose Notlüge anbahnt, kannst Du einfach versuchen, ehrlich zu sein. Und so stückchenweise Deine Erfahrungen sammeln wie es ist, nach Werten zu leben, die wirklich Deine sind.
Fazit: Werte als selbst gestalteter Kompass
Ein Wertesystem haben wir alle. Die Frage ist nur, ob es uns leitet, ohne dass wir es kennen, oder ob wir es bewusst in die Hand nehmen. Wenn wir uns für den bewussten Weg entscheiden, gewinnen
wir Orientierung, einen festen Boden unter den Füßen, Stabilität und etwas, was weit über uns selbst hinausgeht. Uns uns dabei unterstützt ein Leben zu leben, was uns erfüllt.
